2026-09-20, Predigt Mt 20,1-16, formale Gerechtigkeit, Diakon Walter Karger
Liebe Kinder und Jugendliche, liebe Schwestern und Brüder,
stellen Sie sich mal vor, ein Bauunternehmer würde in der heutigen Zeit einem Arbeiter, der nur eine Stunde am Tag gearbeitet hat, das gleiche Geld zahlen wie den Bauarbeitern, die den ganzen Tag für ihn geschuftet haben.
Wahrscheinlich würde dieser Bauunternehmer angezeigt und müsste sich vor Gericht verantworten.
Wenn Sie nun Richter wären, wie würden Sie in diesem Fall entscheiden? In unserer Gesellschaft gilt ja grundsätzlich: gleiches Geld für gleiche Arbeit.
Aus Sicht des Grundbesitzers geht es aber nicht in erster Linie um die Einhaltung des Grundsatzes „gleiches Geld für gleiche Arbeit“, es geht ihm um wichtigere Grundsätze.
Der Grundbesitzer hat die Gesamtsituation im Blick.
Er weiß, dass die Tagelöhner eine Familie haben: Kinder, Frau und vielleicht die Großeltern müssen ernährt werden. Dazu benötigte man zur Zeit Jesu etwa einen Denar pro Tag.
Wenn der Tagelöhner zu wenig Geld verdient, wird die Familie hungern, vielleicht sogar verhungern.
Also ist es nur zu gut zu verstehen, dass der Gutsbesitzer offenbar ein gutes Herz für die Familien hat und daher genügend Lohn zahlt.
Vielleicht denkt der Gutsbesitzer aber auch an seine eigene Zukunft:
Er weiß, es besteht die Gefahr, dass der Tagelöhner vielleicht wegwandert, um in einem anderen Land seine Familie ernähren zu können.
Wer pflegt dann seine Weinstöcke?
So ist es nur vernünftig, dass der Gutsbesitzer für seine Tagelöhner sorgt und mit seinem Geld macht, was er will.
Ich glaube, Jesus will uns mit diesem Gleichnis nicht nur auf das Problem der gerechten Bezahlung hinweisen.
Jesus sieht genau, dass wir Menschen oft ein einzelnes Problem in den Mittelpunkt stellen und Gefahr laufen, andere wichtige Dinge unseres Lebens zu übersehen oder außer Acht zu lassen.
So nimmt zurzeit zum Beispiel die Sorge um die Energie, die äußere Sicherheit und die Wirtschaft einen breiten Raum ein.
Andere Dinge, wie zum Beispiel die Situation unserer Familien, werden nur am Rand beachtet, obwohl sie entscheidend für unser ganzes Leben sind.
Auch das Interesse an religiösen Fragen geht stark zurück, obwohl unser Glaube eine unabdingbare Grundlage für eine stabile Werteordnung in unserer Demokratie ist.
So wie bei Lohn und Gehalt sind wir in unserer Gesellschaft bestrebt, alles genau zu regeln. Und grundsätzlich gilt ja auch, dass das Gesetz für alle gleich ist.
Wir können wirklich froh und dankbar sein, dass wir in einem Staat leben, in dem sehr vieles gerecht geregelt ist und in dem keine Willkür herrscht.
Diese Gesetze und Regeln haben natürlich auch Grenzen.
Da stellt sich zunächst die Frage, was nützen all diese Gesetze und Regeln, wenn der normale Staatsbürger sie gar nicht kennen kann, weil sie so umfangreich und vielfältig sind.
Für nahezu jedes Spezialgebiet gibt es mittlerweile Fachanwälte, die sich nur damit auseinandersetzten.
Die unüberschaubare Vielfalt von Gesetzen und Regeln führt auch dazu, dass gute Ideen einfach ausgebremst werden und nicht in die Tat umgesetzt werden können.
Der gute Wille des Gesetzgebers war und ist, alles möglichst gerecht und gut zu regeln und gleiche Situationen gleich und gerecht zu entscheiden. Aber wir sind heute so weit, dass uns Gesetze, Regeln und Vorschriften ausbremsen und in vielen Bereichen für uns zum Nachteil sind.
So wie im Gleichnis ist auch bei uns in vielen Bereichen ist auch das Geld zum beherrschenden Maßstab unseres Zusammenlebens geworden.
Papst Leo hat in seiner letzten Enzyklika über die Künstliche Intelligenz vom Mai diesen Jahres darauf hingewiesen, dass es falsch ist, die Entwicklung eines Landes nur nach der Höhe des Bruttosozialprodukts zu bemessen.
Dies führt einfach dazu, dass nur noch Dinge, die zur Erhöhung des Bruttosozialprodukts, sprich zu mehr Geld führen, als gut und erstrebenswert angesehen werden. Das glückliche Zusammenleben der Menschen wird dadurch nicht gefördert, sondern geht dem Bach runter.
Wenn wir unsere Arbeitswelt nur noch mit Blick auf möglichst hohe Effektivität ausrichten, so führt das dazu, dass immer mehr Arbeitsplätze verloren gehen. Ein Mensch ohne Arbeit fühlt sich minderwertig und nicht mehr als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Die Menschenwürde geht verloren und Unruhen gefährden unsere Gesellschaft und damit letztlich auch die Effektivität der Wirtschaft
Wenn man durch seine eigene Arbeit zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen kann, so fühlt man sich als Mensch wertvoll, selbst wenn die Entlohnung gering ist.
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus zeigt uns in diesem Beispiel von der vermeintlich ungerechten Entlohnung der Arbeiter, dass es in unserem ganzen Leben darauf ankommt, nicht nur ein Einzelproblem zu sehen und danach zu handeln. Wir müssen versuchen, das Ganze zu sehen, nicht nur den vermeintlichen kurzfristigen Erfolg.
Wir müssen so handeln, dass unsere Gesellschaft sich gut entwickeln kann. Dazu gehört eine gute Basis für die Familien, eine gute Ausbildung unserer Kinder, ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt, gerechte Arbeit für alle.
Ich will nicht verschweigen, dass es mitunter ein bequemer Weg ist, konsequent auf der Grundlage von Regeln zu entscheiden. Wenn ich so handle, kann mir niemand etwas vorwerfen.
Oft wird dies manchen Beamten vorgeworfen.
Wir sollten uns aber stets vor Augen führen, dass schon in der Bibel vor dieser engstirnigen Gesetzestreue gewarnt wird:
Die Ankläger Jesu argumentierten:
„Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben“ (Joh 19,7)
Hüten wir uns davor, durch bequeme Gesetzestreue Schaden anzurichten.
In der Lesung wird uns beim Propheten Jesaja dargelegt, wie Gott die Welt sieht. Ich zitiere:
„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken
und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn.
So hoch der Himmel über der Erde ist,
so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege
und meine Gedanken über eure Gedanken.“
Als Christen sind wir dazu berufen, Gott ähnlicher zu werden und möglichst das Ganze zu sehen.
Das Ganze ist für uns Christen in erster Linie so zu leben, dass wir nach unserem irdischen Leben in den Himmel kommen.
Wenn wir dies ehrlich anstreben und nach den Grundsätzen, die Jesus uns gelehrt hat, leben, werden wir auch automatisch auf unsere Gesamtsituation schauen und langfristig gute Entscheidungen treffen.
Nur wenige von uns haben die als Richter die Aufgabe Streitfälle zu entscheiden. Aber alle haben wir die Aufgabe, täglich kleine und große Fragen in unserem Leben zu entscheiden. Und da gilt es in erster Linie das große Ganze zu sehen und sich nicht sklavisch und bequem an gewisse Vorschriften und Gesetzte zu halten.
Seien wir mutig und nutzen wir den mögliche Ermessensspielräume und machen wir konkrete Gegenvorschläge.
Auch Pilatus hätte nach dem römischen Gesetz einen Ermessensspielraum gehabt.
Haben wir Vertrauen in die Wege und Gedanken Gottes.
Versuchen wir auch im täglichen Leben weiter zu blicken und uns nicht von Detailfragen fesseln zu lassen.
Wenn wir auf ein stabiles, von christlichen Werten bestimmtes Gerüst bauen können, werden wir auch die Fähigkeit und die Kraft haben, in begründeten Ausnahmefällen verantwortungsvoll entgegen geltenden Einzelregelungen zu entscheiden.
Amen.

Übersicht
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- 2026-08-30 Predigt Mt16,21-27, Das Kreuz annehmen, Pfarrer Erich Renner
- 2026-08-22 Predigt Mt16,13-20, Petrus, der Fels, Pfarrer Stephan Rödl
- 2026-08-16, Predigt Mt 15,21-28, unerschütterlicher Glaube, Pfarrer Stephan Rödl
- 2026-08-15, Predigt LK 1,39-56, Mariä Himmelfahrt, Pfarrer Stephan Rödl
- 2026-08-09, Predigt 1 Kön 19, 9ab.11b–13, Langsamer durchs Leben gehen, Kaplan Florian Illek
- 2026-08-08, Predigt Mt 14, 22–33, Der Sturm auf dem See, Pfr. Stephan Rödl
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- 2026-07-19, Predigt Mt 13, 24-43, Gleichnis vom Senfkorn, (Familiengottesdienst), Pfr. Erich Renner
- 2026-07-18, Predigt Mt 13, 24-43, Das Unkraut nicht ausreißen…, Pfr. Erich Renner
- 2026-07-12, Predigt Mt 13,9-17, „Wer Ohren hat, der höre!“, Diakon Walter Karger
- 2026-07-05, Predigt Mt 11, 25-30, Nehmt mein Joch auf euch…, Pfr. Erich Renner
