2026-09-13, Predigt Mt 18,21-35, siebzigmal siebenmal vergeben, Pfarrer Stephan Rödl
Liebe Schwestern und Brüder,
ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dem Evangelium geht von heute. Mir geht es jedes Mal etwa so, wie dass ich überfahren bin. Was Jesus da von einem fordert, ist fast schon unmenschlich.
Auf die Frage hin, wie oft man einem anderen Menschen Vergebung zu teil werden lassen soll, heißt es noch in dieser Übersetzung nicht siebenmal, sondern 77 mal und die Neueinheitsübersetzung, die es seit einigen Jahren gibt und die auch schon in Buchform gedruckt ist, sagt es noch prägnanter, 70 mal siebenmal. Die Zahlensymbolik, wir merken es, die noch einmal deutlich im Originaltext liegt, bedeutet nichts anderes als immer wieder, eigentlich ohne Begrenzung, immer dann, wenn mein Gegenüber seine Schuld einsieht und mich darum bittet, immer ihm lieben. Und zugegeben, das ist fürs Erste, man darauf schaut, doch irgendwie eine Nummer zu groß für uns Menschen.
Jedem Menschen, der mich bittet, immer wieder Verzeihung zu gewähren, auch dann noch, wenn es nach menschlichen Maßstäben eigentlich längst genug wäre, wer, auch ich muss mich da einschließen, könnte von sich behaupten, dass das immer gelingen kann. Und doch zeigt das heutige Evangelium auf den zweiten Blick, ja im zweiten Teil, warum sich diese Herausforderung lohnt und warum sie dennoch gerecht ist. In der Erzählung vom Herrn und seinen Knechten wird zunächst klar, dass jeder Mensch mit seinem ganzen Leben vor Gott in der Schuld steht.
Der erste Diener schuldet seinem Herrn 10.000 Talente. Eine Summe, wenn man sie aufs heutige umrechnen würde, wären das 600.000 Tageslöhne aus der damaligen Zeit. Anders gesagt, er steht mit seinem ganzen Leben wirklich in der Schuld seines Herrn.
Und er darf etwas erfahren, was unmöglich erscheint, weil er seine Schuld dem Herrn gesteht, weil er weiß, dass er nicht anders kann, bittet um Barmherzigkeit und Gnade und darf diese von seinem Herrn erfahren. Wir haben es gehört, der Herr stundet, würde man sagen, die Schuld, obwohl er weiß, dass der Knecht ja niemals diese Summe zurückzahlen wird. Der Knecht steht für jeden von uns im Evangelium, denn wir dürfen trotz all unserer Schuld, die wir auf uns geladen haben, immer wieder Gottes Barmherzigkeit erfahren.
Jede kleine Bitte um Nachsicht dürfen wir in der übergroßen Güte des Herrn erfüllt bekommen. Und doch, wir alle haben es ebenso gehört, scheint dieser Mensch nichts daraus zu lernen und bringt den zweiten Knecht, seinen Mitmenschen, wegen einer winzigen Summe von hundert Dinaren ins Gefängnis und ist unbarmherzig.
Liebe Schwestern und Brüder, das heutige Sonntagsevangelium fordert uns heraus, ganz klar, aber dennoch gibt es uns etwas wie ein Lehrstück an die Hand.
Es fordert mir ab, zu erkennen zunächst, wie grenzenlos mich Gott trotz all und mit meiner Schuld annimmt, wenn ich ihm mit Reue gegenübertrete. Und dann ebenso fordert es mich wieder heraus, wenn es darum geht, selbst gerecht und zugleich barmherzig zu sein mit den Mitmenschen. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auf einen Nenner zu bringen im Alltag.
Das ist eine Herausforderung, das ist mir klar. Und doch fällt es mir zumindest manchmal leichter, wenn ich zu allererst im Kopf behalte, von mir wird doch eigentlich gar nicht mehr gefordert als das, was ich längst geschenkt bekam, nämlich was Gott gegenüber längst getan hat, nämlich barmherzig zu sein und gerecht. Dann, wenn ich einen Mitmenschen so nehme, wie er ist, auch mit seiner Schuld, darf ich wissen, schon lange vor mir ist das gleiche Glück mir geschehen durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit, was ich jetzt nur ein klein wenig meinen Mitmenschen zuteilwerden lasse.
Amen.

Übersicht
-
Oktober 2026
-
September 2026
-
August 2026
- 2026-08-30 Predigt Mt16,21-27, Das Kreuz annehmen, Pfarrer Erich Renner
- 2026-08-22 Predigt Mt16,13-20, Petrus, der Fels, Pfarrer Stephan Rödl
- 2026-08-16, Predigt Mt 15,21-28, unerschütterlicher Glaube, Pfarrer Stephan Rödl
- 2026-08-15, Predigt LK 1,39-56, Mariä Himmelfahrt, Pfarrer Stephan Rödl
- 2026-08-09, Predigt 1 Kön 19, 9ab.11b–13, Langsamer durchs Leben gehen, Kaplan Florian Illek
- 2026-08-08, Predigt Mt 14, 22–33, Der Sturm auf dem See, Pfr. Stephan Rödl
- 2026-08-01, Predigt Mt 14, 13–21, Gebt ihr ihnen zu essen! Pfr. Erich Renner
-
Juli 2026
- 2026-07-26, Predigt Mt 13, 44-46, Schatz im Acker, Pfr. Erich Renner
- 2026-07-19, Predigt Mt 13, 24-43, Gleichnis vom Senfkorn, (Familiengottesdienst), Pfr. Erich Renner
- 2026-07-18, Predigt Mt 13, 24-43, Das Unkraut nicht ausreißen…, Pfr. Erich Renner
- 2026-07-12, Predigt Mt 13,9-17, „Wer Ohren hat, der höre!“, Diakon Walter Karger
- 2026-07-05, Predigt Mt 11, 25-30, Nehmt mein Joch auf euch…, Pfr. Erich Renner
