2026-07-12, Predigt Mt 13,9-17, „Wer Ohren hat, der höre!“, Diakon Walter Karger
Liebe Kinder und Jugendliche, liebe Schwestern und Brüder,
am Ende seines Gleichnisses vom Sämann spricht Jesus einen Satz, der kurz ist, aber herausfordert:
„Wer Ohren hat, der höre!“
Und wenig später sagt er:
„Sie sehen und sehen doch nicht, sie hören und hören doch nicht.“
Diese Worte sind unbequem. Denn sie richten sich nicht nur an die Menschen vor zweitausend Jahren. Sie richten sich auch an uns. Denn die eigentliche Frage lautet nicht:
Haben wir Augen? Haben wir Ohren?
Sondern: Sind wir bereit, die Wahrheit an uns heranzulassen?
Denn oft sehen wir sehr wohl. Oft hören wir sehr wohl. Aber wir fürchten die Konsequenzen.
Das Evangelium spricht eine tiefe Wahrheit aus:
Wir verschließen uns nicht deshalb vor der Wahrheit, weil wir sie nicht erkennen.
Oft verschließen wir uns vor ihr,
- weil sie uns an unsere Verantwortung erinnert.
- weil sie uns aus unserer Bequemlichkeit herausruft.
- weil sie Veränderungen verlangt.
- weil sie Entscheidungen fordert.
Wir alle kennen das aus unserem persönlichen Leben.
Wir spüren vielleicht seit Jahren, dass eine Freundschaft zerbrochen ist und Versöhnung nötig wäre.
- Wir wissen es.
- Wir sehen es.
- Wir hören die Stimme unseres Gewissens.
Aber der erste Schritt wäre unangenehm. Also warten wir.
Vielleicht merken wir, dass die Arbeit unser ganzes Leben beherrscht.
- Die Familie leidet darunter.
- Die Gesundheit leidet darunter.
Doch eine Veränderung würde Opfer verlangen. Also machen wir weiter wie bisher.
Einige vermuten vielleicht, wenn sie in sich hineinhören, dass mit der eigenen Gesundheit etwas nicht in Ordnung ist. Ein Besuch beim Arzt könnte Klarheit schaffen.
- Aber wir haben Angst vor der Wahrheit und
- außerdem sind die Schmerzen ja ganz gut auszuhalten.
Also verschieben wir der Arztbesuch.
Wir erkennen manches längst. Aber Erkenntnis allein verändert noch nichts.
Erst wenn wir bereit sind zu handeln, wird aus Erkenntnis Veränderung.
Genau darauf zielt Jesus. Er sagt nicht:
„Ihr habt zu wenig Informationen.“ Er sagt: „Ihr verschließt euer Herz.“
Liebe Schwestern und Brüder, auch im Glauben geschieht das.
Wir hören die Worte Jesu:
- „Liebe deinen Nächsten.“
- „Vergib deinem Bruder.“
- „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“
Das sind keine schwer verständlichen Sätze. Ein Kind kann sie verstehen. Die Schwierigkeit liegt nicht im Verstehen. Die Schwierigkeit liegt im Tun.
Denn Nächstenliebe kostet Zeit. Vergebung kostet Überwindung.
Jesus fragt uns heute im Evangelium:
- Wann hast du zuletzt etwas in deinem Leben verändert, weil du das Wort Gottes ernst genommen hast?
- Wann hat das Evangelium dich zuletzt aus deiner Komfortzone herausgerufen?
- Wann hast du zuletzt gesagt:
„Herr, ich möchte nicht nur hören, sondern auch handeln“?
Doch die Botschaft Jesu betrifft nicht nur unser persönliches Leben. Sie betrifft auch unsere Gesellschaft.
Wir leben in einer Zeit, in der Informationen überall verfügbar sind. Noch nie wusste die Menschheit so viel.
Und dennoch erleben wir oft eine merkwürdige Blindheit.
- Wir sehen Einsamkeit.
- Wir sehen Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen.
- Wir sehen Polarisierung und Hass.
- Wir sehen Kriege.
- Wir sehen die Belastung der Schöpfung.
- Wir sehen den Druck auf Familien und junge Menschen, auf Alte, Kranke und Sterbende.
Die Zeichen sind sichtbar. Die Frage ist nicht, ob wir genug wissen. Die Frage ist, ob wir bereit sind, Konsequenzen zu ziehen.
Ein sehr aktuelles Beispiel für die im Evangelium beschriebene Trägheit und Unentschlossenheit ist unsere Reaktion auf die Worte des Papstes zu unserem Umgang mit der Künstlichen Intelligenz.
Papst Leo XIV. schreibt vor wenigen Wochen in seiner neuen Enzyklika Magnifica Humanitas, dass unsere Zeit vor einer entscheidenden Wahl steht:
Wir können eine neue Form von Babel errichten, geprägt von Macht, Kontrolle und Selbstüberschätzung, oder
wir können eine Gesellschaft aufbauen, in der die Würde des Menschen im Mittelpunkt steht.
Bemerkenswert ist dabei:
Die Enzyklika spricht über künstliche Intelligenz, digitale Macht und technische Entwicklungen. Aber ihr eigentliches Thema ist nicht die Technik. Ihr eigentliches Thema ist der Mensch.
Papst Leo fragt:
- Werden wir den Menschen nur noch nach Leistung beurteilen?
- Nach Effizienz?
- Nach Daten?
- Nach wirtschaftlichem Nutzen?
Oder erkennen wir weiterhin die unverlierbare Würde jedes Menschen?
Auch hier gilt:
Die Gefahr besteht nicht darin, dass wir die Probleme im Umgang mit KI nicht erahnen.
Die Gefahr besteht darin, dass wir die Probleme schon sehen und zunehmend spüren, aber nicht die Kraft aufbringen, uns damit zu beschäftigen und die notwendigen Konsequenzen scheuen.
Es ist ja auch sehr angenehm, wenn die KI uns viel Arbeit abnimmt. Dafür zahlen wir aber auch den Preis, dass die Menschlichkeit und die Würde des Menschen verloren geht.
Denn wenn die Würde des Menschen wirklich im Mittelpunkt stehen soll, dann müssen wir anders handeln.
- Dann müssen wir anders wirtschaften.
- Anders kommunizieren.
- Anders mit Macht umgehen.
- Anders mit Technik umgehen.
Die Enzyklika erinnert uns daran, dass Fortschritt nicht daran gemessen werden darf, was technisch möglich ist, sondern daran, ob der Mensch dadurch wirklich an Lebensqualität gewinnt.
Liebe Schwestern und Brüder,
genau hier zeigt sich, dass die vor 2000 Jahren von Jesus angesprochenen Probleme und Gefahren auch heute sehr aktuell sind.
Jesus ruft uns zu: „Wer Ohren hat, der höre!“
Das bedeutet:
- Hört nicht nur auf die angenehmen Wahrheiten.
- Hört auch auf die unbequemen.
- Hört nicht nur das, was eure Meinung bestätigt.
- Hört auch das, was euch herausfordert.
- Hört nicht nur auf die Stimmen, die euch beruhigen.
- Hört auch auf die Stimme Gottes, die euch verändern möchte.
Denn Gottes Wort will nicht nur informieren.
Es will verwandeln.
Vielleicht liegt die größte Gefahr unseres Zeitalters nicht im Mangel an Wissen.
Wir wissen sehr viel und analysieren alles. Aber wir sind immer weniger bereit sind, Konsequenzen daraus zu ziehen weil wir einen kurzfristigen Komfort genießen möchten und langfristige Gefahren einfach ausblenden. Damit schaden wir uns selbst und vor allem unseren Kindern und Enkeln
Jesus sucht keine Zuschauer. Er sucht Jünger.
- Menschen, die hören.
- Menschen, die verstehen.
- Menschen, die handeln.
Und deshalb richtet sich die entscheidende Frage des heutigen Evangeliums an jeden von uns:
- Welche Wahrheit habe ich längst erkannt?
- Welche Aufgabe liegt schon lange vor mir?
- Welchen Schritt fordert Gott heute von mir?
Möge Gott uns Augen schenken, die wirklich sehen, Ohren, die wirklich hören. Und vor allem ein Herz, das bereit ist, sich verändern zu lassen.
Amen.

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